THEOMANIA Ò MORTE! // MWR
TEIL I: Zur Zukunft der Bayreuther Festspiele
M0RITZ W. R0THE
Dem Kinde meines Blumenmädchens
„Glaub mir, wir haben kein Vaterland! Und wenn ich ≫deutsch≪ bin, so trag‘ ich sicher mein Deutschland in mir!“ schrieb Richard Wagner in einem Brief an Franz Liszt, als er im Jahre 1862 nach dreizehnjährigem Schweizer Exil in jene von eisernen Schienen umspannte und qualmenden Schornsteinen gezierte Landschaft schaute, von der ein Haftbefehl des sächsischen Königreichs ihn abgehalten hatte.
„Wo ich bin, ist Deutschland.“ sagte Thomas Mann im Jahre 1938, als er von Bord seines dampfenden Schiffs in die am dichtesten bevölkerte Stadt der westlichen Zivilisation jener Zeit trat und auf die bereits von zahlreichen Wolkenkratzern, geordnet in quadratischen Straßen, geprägte Skyline Manhattans blickte.
Von der Schweiz über Le Havre war er aus jenem Nazi-Deutschland, welchem gleichermaßen die sich globalisierende Technik-Vernarrtheit wie Massenkultur nicht fremd war, das nun auch seine Konzentrationslager zu industrialisieren begann, zu seinem Kontrahenten geflohen, mit dem es sich späterhin in der größten Materialschlacht der Menschheitsgeschichte einen weltenverschlingenden Krieg leisten sollte.
Jenes Deutschland, von dem Wagner und Mann sprechen, lässt sich nicht im Nachzeichnen seiner Landesgrenzen, im Nachrechnen seines Bruttoinlandsprodukts oder im statistischen Darstellen seiner Tagespolitik fassen. Jenes Deutschland beginnt aus der Tiefe einer Innerlichkeit zu funkeln, wenn die Entfremdung der Welterfahrung an einem reißt, und lässt eine innere Heimat aufscheinen, die man nicht einmal recht versteht, obgleich man täglich mal mehr, mal weniger in ihr wohnt. Jenes Deutschland ist ein Reich der Imagination, das von den Geistern großer Söhne getragen und verändert wird. Denn in Deutschland ist man nicht ergriffen von der Landschaft, beißt nicht in die süßen Früchte üppig behangener Bäume, dass der Saft an den Mundwinkeln hinab rinnt und spannt keine Liebeslaken über unausdrückbare Tiefen. Warum dies sein mag? Weil das Land uns weniger Gabe ist, die Götter nicht reich beschenkt werden wollen, die Seelen zu dunkel sind? Die heiligen Orte sind in uns, die Tempel Initiationen des Geistes und Mythen uns nichts weiter als Erzählungen.
Nur an einem Orte in der modernen Welt wurde der, dem weitwüchsigen Reich der Imagination entwachsene, Mythos in einen begehbaren Kult überführt. Was Schlegel, Schelling, Schiller, wie viele mehr sich in einem neuen Mythos erträumten, ist gelebte Wirklichkeit geworden und ging über den Imaginations-Kolonialismus, welcher durch die Vorstellungskraft höhere Ideale, als die Realität uns schenkt, erschaffen kann, hinaus. Jener Ort, welcher sich gleich eines Wunders gegen die Widrigkeiten seiner Zeit durchsetzte, ist Bayreuth. Hier wurde ein Teil des nicht sichtbaren, ja geheimen Deutschlands manifest und stellt so eine Konvergenz aus dem innerlichen Mythos wie dem reellen, sichtbaren Kult in Gestalt des gelebten, in Totalität dastehenden, auf Revolution pochenden Gesamtkunstwerks in Fest als auch Gabe dar. Ein sich von jedem anderen Theater der Welt unterscheidendes Geschenk und Gegenkultur zu jenen Prinzipien der Entfremdung, sei es die durch Rationalisierung entzauberte Welt, die durch Industrie entweihten Landschaften oder die durch Lohnarbeit zu Maschinen verkrüppelten Menschen, welche nicht nur Wagner zum Todfeind erklärte.
Nun jubilieren die Festspiele im nächsten Jahre ihr 150-jähriges Bestehen in einer innerlichen wie äußerlichen Welt, mit der sie stets eng verwoben waren und es gewiss noch immer sind. Wie Bayreuth einst Abbild von welker Glorie des fin de siècle, der Höhe spät-wilhelminischer und Weimarer Kunst, dem Einreihen in den Nationalsozialismus, der kühlen, auf das Humane selbst zurückgeworfenen Abstraktion oder der dekonstruktivistischen, relativierenden Post-Moderne war, so ist es auch weiterhin Ausdruck seiner Zeit.
Es ist daher alles andere als beliebig, dass jener Opernzyklus mit dem 1876 die Festspiele eröffnet wurden, nun unter dem Titel „Ring 10010110 - Vom Mythos zum Code“ inszeniert werden soll. Geplant ist, wie dem im ‚Dialog mit Chat-GPT‘ geschriebenen Programmtext zu entnehmen, ‚die Bühne selbst denken zu lassen‘, indem man eine KI mit allerlei Material der Geschichte der Festspiele speist, welche selbige dann kompilierend, bearbeitend und anders anordnend auf die Bühne projizieren wird. Die mal verfeindeten oder verliebten Sängerinnen und Sänger erstarren zu Statuen in einer halb-szenischen Vorstellung – „Klang trifft auf Code, Mythos trifft auf Maschine, Festspiele treffen auf Zukunft.“1
Wo die sogenannte Werkstatt Bayreuth in den letzten Jahren nur noch das unauratische Imitat eines bereits museal gewordenen avant-gardistischen Stils, welcher eher der après-gardistischen Nachschubversorgung für einen verlorenen Posten glich, dass die letzten Vorstellungen, des eigentlich sehr gefragten Hauses fast leer waren;
Wo nun ein general manager dasjenige, was schlechte Kunst verursacht mit ökonomischen Griffen zu beheben angehalten ist;
Wo die Politprominenz im Medienspektakel über den roten Teppich schreitet, um mit dem Rücken zum Sein ihre visionslosen Visagen ablichten zu lassen, nur um danach, ohne den Zugang gefunden zu haben, wieder vor die Kameras tretend, ihr undifferenziertes Lob über die Inszenierung auszusprechen;
Dort soll als rettende Tat, als einfallsreicher Coup einer Pseudoprogression, nun jener Entfremdungszusammenhang, ins Herz dessen geführt werden, wogegen die Festspiele einst eigentlich angetreten waren. Was ursprünglich ein Wenden gegen die industrielle Revolution und ihre Folgen war, soll nun die verräterische Feier ihrer Vierten sein, indem man Code über den Mythos, Binarität über die Ambivalenz und das Profane über das Heilige siegen lassen will. Was aus dieser Logik im Allgemeinen folgt, ist schon ersichtlich – es ist die Erstarrung und Versteinerung desjenigen, was den Kult dereinst stiftete, um ihn schlussendlich ins Anorganische zurückzuführen und damit zu zerstören. Die menschliche Kreativität noetischer Vernunft wird ausgelagert und einer Maschine übertragen, welche nicht kreativ sein, sondern das bereits Geschaffene lediglich kompilieren kann. Nicht nur im kühlen Berechnen der Unternehmer, welche den Menschen dort zu überwinden trachten, wo es rentabel ist, sondern auch in der Kunst, wo verzweifelt die großen Meister tausendfach durch das Spiegelkabinett sekundärer Reflexion gepeitscht, allen metaphysischen Spuren dekonstruktiv nachgegangen wurde, dass sie sich nur noch am Boden ihrer ausgeschöpften Möglichkeiten wälzen kann, scheint das Paradigma der Transhumanität in grässlicher Weise auf: Der Mensch ist dabei, aus fadenscheinigen Gründen wie ökonomischer Nützlichkeit, einer Faulheit des eigenen Willens und Ermangelung der Kreativität, sich selbst abzuschaffen! Das, was stets als menschenverachtend wahrgenommen wurde, wie 16-stündige Fabrikarbeit, in arbeitende Kinder oder allgemeiner, Sklaverei, findet nun in jenem Prinzip des Transhumanen seinen bislang höchsten Ausdruck: Man will den als Mangelwesen begriffenen Menschen abschaffen, weil er nicht Maschine genug ist. So wird alles, was nicht nützlich, nicht rentabel ist, verschlungen, bis die Diktatur des Codes jeden Lebensbereich konstituieren und buchstäblich nichts, was heilig ist, mehr sichtbar sein wird.
Der grüne Hügel ist geweihter Boden, ist Ausdruck des geheimen Deutschlands genauso wie heiliger europäischer Kunstschöpfung und doch walten heute die gleichen Prinzipien wie in jenem Lande, ja auf jenem Kontinent, auf dem er west. Bayreuth ist ebenso zerrissen, wie das Schicksal des Menschen im 21. Jahrhundert es ist. Es steht ebenso wie Europa mit dem Rücken an einer Wand, welche nur mit einem Sprunge zu überwinden ist. Doch gelten hier andere Voraussetzungen und so scheint in jener menschlichen Zerrissenheit der Äther aus dem Abgrund herauf. Wenn der Mensch zu überwinden ist, so stellt sich die Frage auf zweierlei hin: Auf die technische Überwindung zum kodifizierten Maschinellen oder auf die Überwindung vom Göttlichen her, auf das Göttliche hin! Transhumanität gegen Theohumanität!2
Ich weiß, zu welcher antwortenden Existenz ich gezwungen bin, denn ich trage Deutschland in mir. Wendet man sich von jedem intelligiblen, intuitiven, ja göttlichen Handeln, schlicht von allem, was nicht determinierbar ist, ab? Lässt man es vor seinen Augen geschehen, sieht zu, wie es in Erstarrung verendet, wie die morschen Äste sich strecken? Errichtet man einen McDonalds, vermietet das Festspielhaus den Rest des Jahres und asphaltiert den Rasen? Lässt der Aufklärung größter Tat noch kommen und entweiht den ganzen Kontinent?
Oder entwirft man sich auf die Theohumanität? Lässt Göttlichkeit theomanisch aus allen Poren quillen, lockt aus jeder Ecke das Heilige zum Balztanz und gibt in Bayreuth einem Deutschland Raum, das sich von den Gralsburgen im Süden der Pyrenäen, von den tosenden Gewalten der Nordmeere, in dem wollüstigen Pomp der Venusgrotten und von tausend anderen unentdeckten Orten her neu auf das unermessliche Göttliche hin erfindet?
Ich trage Deutschland in mir!
Schlägt man die Geschenke aus, welche uns vermacht sind, drückt sich vor den strategisch bevorteilten Anhöhen und verfällt seinem profanen Einzelschicksal – oder führt einen Kampf auf geweihtem Boden? Dringt in jene äußere wie innere Welt und führt den Feldzug dieses lange schon begonnenen Krieges im Geiste des Kultes?
Ich trage Deutschland in mir!
Daher will ich einen Hügel, der den ganzen Kontinent in Versuchung führt, der Welt neue Castraten schenkt und uns ein hehrer Opferaltar ungeborener Götter wird!
Wo Feuer aus Olympia, Wasser aus des Rheines Quellen,
Achatschale und Longinuslanze aus enteigneter Adelgeschlechter Schatzkammern,
mit feierlichen Marschkapellen begleitet, zu dieser Erhebung geliefert werden;
wo nichts einfach aufgeführt, sondern das Mysterium eröffnet,
wo kein Bühnenbild bloß hergestellt, sondern in Weihe gezeugt,
wo kein Text einstudiert, sondern Fleisch wird;
dass die uns zum Höchsten erhebenden Sängerinnen vor Ehrfurcht fast ersticken,
sich Schweiß und Tränen mischen,
und eine ganze Gemeinschaft Visions-erdrückt nach Luft schnappt;
Um danach aus den Türen herauszubrechen, im Blumenpomp neu gewonnene Sphären, größter Geschenke zu feiern oder mit Kiesel-gefüllten Lackschuhen am Pilgerpfade gen Rom ihr Blut zu lassen,
Mit dem Verbotenen durchzubrennen, sündhaft liebend ineinander zusammensinken oder glühenden Geistes in gellender Einsamkeit neue Welten erschaffen,
Oh ja, bis der bald benetzte Opferdolch am Wetzstein neuer Zeit erklingt und frenetisch harren bis der Tag der Tat gekommen ist!
Mein Gott, wer wäre ich, trüge ich kein Deutschland in mir?
Ja, ich trage Deutschland in mir!
Und wenn das Schicksal es will, tust Du es auch!
Festspielmagazin Bayreuther Festspiele 2026, S. 32
Jan Juhani Steinmann: Kritik der künstlichen Vernunft. Vorspiel eines Anathemas. Lepanto, 2025.



