„Das Endziel unseres Weges
ist das Reich Gottes.
Was wir aber im Auge haben,
um zu diesem Ziel zu gelangen,
ist die Reinheit des Herzens,
ohne die niemand
zum Endziel gelangen kann.“
Collationes Patrum I,4
Den Sieg, den es zu erringen gilt, ist das Reich!
Gott zu sehen, dazu sind wir berufen worden!
Wer höret die Stimme, komme, um Gott zu schauen.
Doch was ist ein Sieg ohne Kampf?
Was der Lorbeerkranz ohne Schlachtfeld? Unser Herz sei uns das Schlachtfeld, auf dem wir unsere Kriege führen. Und bebt es denn nicht in uns, dieses blutend Herz, da der Mensch entwürdigt wurde, seiner Größe und Ehre beraubt.
Seht, unser Ziel ist das Reich,
so soll unser ganzes Streben die Reinheit des Herzen sein.
Bereits der göttliche Platon erklärte das Herz als das Schlachtfeld der Lust und Unlust. Doch wies er uns im Philebos den erhabeneren, edleren Weg jenseits dieser Pole. Die „göttlichste aller Lebensweisen“ sei es die „körperlichen pathemata zum Erlöschen“ zu bringen, ehe sie wie vergiftete Pfeile in unsern Herzen dringen. Der Mensch erwacht zum höheren, göttlicherem Leben, da er sich sammelnd, in sich ruhend, befreit wird von fremden Geistern und in Verbindung tritt mit seiner eigensten Natur und dem Göttlichem, aus dem die Seele entstammt (Philebos 32b-34a).
Wie aber der Einfältige oft verkennt bedeutet apatheia keineswegs, träge, kalt und leer zu sein. Vielmehr ist sie die Konzentrierung auf das Wesentliche in uns. Sie ist die höchste Form eines energetischen Lebens, denn man wird nicht mehr von Fremden getrieben sondern ist aus sich selbst voll, stark und wirksam. Auch Aristoteles weist, wie sein Lehrer Platon, darauf hin, dass der Ursprung dieser selbstbewegten Aktivität, die energeia, im Göttlichen des Menschen zu suchen sei. Indem wir daran partizipieren, uns in die Selbstbewegte Bewegung einschwingen, verspüren wir in uns die höchste Freude und Lust, nehmen wir doch dabei Anteil am Göttlichen Leben selbst (Metaphysik 1072b 13-28). Denn ist nicht Gott das Wesen der höchsten und reinsten Lust? So wollen wir selbstbewegt sein wie das Göttliche, nicht geknechtet und getrieben von fremden Geistern.
Gott zu schauen das sei uns unsere Herzenslust!
Ein Wort, in der Stille gesprochen, wurde zu uns getragen. Johannes Cassianus, der am Ister Geborene, zog von Osten nach Westen um uns zu bringen, Wasser aus reinsten Quellen.
Die Wüstenväter lehrten ihm, dass das Ziel jeden Weg bestimmt. Richtet der Bogenschütze nicht seinen Schuss auf das Ziel? So wollen wir nicht ins Leere zielen und in die Lüfte schlagen, so sei die puritas cordis das Feldzeichen, zu dem wir unsere Pfeile senden.
„Was immer die Reinheit und Ruhe unseres Herzens stören könnte, ist
als schädlich zu meiden“, so sprachen die Väter in der Stille der Wüste und schwiegen (Collationes Patrum I,7). Reinigt der Landmann nicht schon im Herbst seinen Acker, um im Frühjahr die Saat zu sähen? Und geht er nicht jeden Morgen auf das Feld, um zu sehen ob die Frucht ihm reift? Unsere Frucht ist das Herz. So lass uns den Acker pflügen und das Unkraut aus den Boden reißen. Indem wir die Saat vernichten, die fremde Geister säten und die erstickenden Wurzeln ausreißen, die uns durchdringen wollten, werden wir frei und empfänglich. Frei für Gott, und offen, die Fülle der Wirklichkeit zu vernehmen.
Doch ist es nicht des Menschen Schicksal der Erfahrungswelt hilflos ausgeliefert zu sein? Und stürzt nicht ein Bombardement von Eindrücken, Versuchungen, fremden Gedanken und Einflüssen tagein und tagaus auf uns ein?
Den Menschen droht, wie es das „Schicksalslied“ in Sprache fasst, im Schwinden und Fallen,
„...blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen“ ins Ungewisse hinabzustürzen.
Sieht man es denn nicht im Auge der Menschen? Den gleichgültigen, toten Blick, Willen und Sehnsucht, schon längst untergegangen im Nichtseienden.
Was in unserem Herzen nichtseiend ist, dass sei uns tot!
Die Alten Weißen lehrten uns den Weg zur puritas cordis, nun müssen wir den Weg, zu unserem Eigenstem finden. Alles Fremde, das uns beherrschen will muss vernichtet werden!
Die Usurpatoren haben sich an unseren Herz vergriffen, denn manipule heißt ihre feige Kriegslist. Darum sei uns die discretio spirituum, Schwert und Sichel zugleich. Schwert, um das Unreine von uns zu schneiden. Sichel, um das Faule von uns zu scheiden. Nur den uns Eigensten, den uns Innerst-Verwanden, den göttlichen Geist wollen wir in uns wirken lassen.
Von diesen durchdrungen, von diesen berauscht, werden wir uns zu neuen
Höhen erheben und die Fülle der Wirklichkeit wird in unseren
Herzen eine Weite finden.
Strömt nicht in uns Leben wie ein großer Fluss? So wollen wir die
Last von fauler Erde und den Druck kargen Steins, das ganze träge
Chaos, das uns umfällt, von uns schleudern um rauschend durchzubrechen, um zu fließen und zu strömen ins weite, offene Land, um am Ende, ganz am Schluss, uns ausbreitend in das Delta münden.
Was hält uns noch länger im Kerker, der uns umnachtet? Wir sind der Erde treu geblieben, doch für unseren reinen Blick ist der Äther zu eng geworden. So wollen wir unseren Pfeil der Sehnsucht, fliegend wie die Schwingen des Adlers, ultra montes, zu den Lüften erheben und zu höheren Himmeln werfen.
Die Tugenden der Gesellschaft sind Laster für den Heiligen. Jenseits von Gut und Böse muss daher unsere Sehnsucht reichen. Soll es denn möglich sein, dass wir das Herrenwort vergaßen?
Unum est necessarium,
Bonam partem eligite
Sei uns dies Wort eine alte und neue Herrenmoral. Lass uns nicht mehr von Tugenden und Sünden sprechen. Eine Tugend gibt es und eine Sünde. Unseren Schuss richtig zu setzen und unser Ziel zu treffen, das ist unsere Tugend. Das Ziel zu verfehlen soll uns Sünde und größte Schande heißen.
Wer Gott sieht, an dem wird alle Tugend gesehen werden. Und wer bei Gott ist, bei dem wird nichts Fremdes sein. Haben wir also lauter und allein Gott in unserem Auge, sodass wir Gott im Sein haben, dann werden uns alle Dinge göttlich sein.
Den Sieg, den es zu erringen gilt, ist das Reich!
Gott zu sehen, dazu sind wir berufen worden!
Wer höret die Stimme, komme, um Gott zu schauen.