EPIPHANIEN DES BRENNENDEN FLEISCHES // JRK
Joel Rudolf Kremer
In die Wüste getrieben, lechzend nach Gott, entflohen die Wüstenväter der Welt, um dem Göttlichen inmitten einer ihm gottentfremdeten Zeit wieder Gestalt zu geben. Mit ihrem asketischen Leben verkörperten diese Männer das theologische Herz der Deifizierung — denn Ikonen gleich wurden sie zu Epiphanien des vor Heiligkeit brennenden Fleisches. Die Lehre von der Theosis, der Vergöttlichung des Menschen, wurzelt in dieser gelebten Spiritualität der alexandrinischen Theologie und Anachorese der Wüstenväter.
Für Athanasius Magnus war die recreatio — die spirituelle und ontologische Erneuerung des Menschen durch die Teilnahme am göttlichen Leben in Christus (Gal 2,20) — das Zentrum seiner Soteriologie. In diesem Licht steht die Christologie der Wüstenväter ganz im Zeichen der permanenten re-creatio des Menschen angesichts der Auferstehung. Inkarnation und Vergöttlichung lassen sich nicht trennen, denn sie bedingen einander: Durch die „Verwandtschaft des Fleisches” mit dem Leib des Logos wurde die ursprünglich harmonische Beziehung zwischen Körper und Geist restituiert, und ein theotisches Leben erst wieder möglich gemacht.
Das Vergöttlichtwerden impliziert dabei ein simultanes Fleischwerden des Geistes. Denn während sich der Geist durch immerwährende mortificatio mundi reinigt, um den Zustand der puritas cordis zu erlangen, triumphiert das dergestalt aus dem Geist gewordene Fleisch über die gefallene Welt. Wie Fackeln in der Nacht leuchtet das vergöttlichte Fleisch, brennend vor Liebe und Heiligkeit, überströmend vor Leben — „Werde”, so drängt Abba Lot in den Apophthegmata Patrum, „ganz und gar wie Feuer!”
Mysterium Unitatis und Oratio Ignita
Johannes Cassianus und Evagrios Pontikos haben die Spiritualität der Wüstenväter in eine präzise theoretische Sprache gefaßt. Im Zentrum steht das bilderlose Gebet. Für Evagrios ist Gott notwendigerweise „immateriell” (ἄϋλος), „körperlos” (ἀσώματος) und „gestaltlos” (ἀσχημάτιστος) — folglich entzieht er sich jeder sinnlichen Wahrnehmung und kann kein Objekt der Betrachtung sein. Er ist, wie der Evangelist Johannes bezeugt, das Leben selbst. Daher kann Gott nicht betrachten, sondern nur erlitten werden.
Da jedoch der menschliche Intellekt (Νοῦς) ebenfalls immateriell und κατ’ εἰκόνα θεοῦ, nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde, gründet in ihm die capax dei des Menschen. Er wird zum „Ort“, der unmittelbaren Gottesbegegnung. Im Augenblick des Gebets kann der Geist wieder „immateriell werden“, wie Evagrios schreibt, sodass das „Immaterielle zum Immateriellen“ (ἄϋλος τῷ ἀΰλῳ προσέλθῃ) aufzusteigen vermag.
Doch dieser Aufstieg ist keine Flucht vor dem eigenen Fleisch. Im Gegenteil: Der Mensch gelangt dabei erst wieder dazu, sein wahres Selbst im lebendigen Fleische zu werden. Das Fleisch ist nicht länger das „Andere“ der Geistes, kein bloßes Hindernis, sondern vielmehr der unmittelbare Ausdruck des Geistes.
Ermöglicht wird dies durch die „Inkarnation des Sohnes im Geiste“. In Christus, dem Prototyp, verbindet sich der Logos mit der nach seinem Bilde erschaffenen Natur. In dieser Bewegung der Verähnlichung und Vereinigung (unire cum Christo) geschieht eine ontologische Metamorphose: Indem der Mensch das göttliche Licht empfängt, wird er selbst lichtgestaltig (φωτοειδής) — gleich der „Sonne der Gerechtigkeit”.
Johannes Cassianus bezeichnet diesen Moment als das „feurige Gebet“ (oratio ignita). Es ist der Entzündungspunkt, an dem die Theoria selbst in Brand gerät: Der Geist wird von der „feurigen Glut Gottes“ entzündet. „Von der Glut des Geistes in Flammen stehend“, schwingt er sich zu einem „feuergleichen Aufschwung“ empor. In diesem Zustand wird die Zelle des Mönchs – und damit sein eigenes Fleisch – wie der Feuerofen von Babylon, in dem die drei jungen Männer, die im Feuer standen aber nicht verbrannten, den Sohn Gottes fanden. Das Fleisch wird zum brennenden Dornbusch: Es brennt, aber es wird nicht verzehrt. Es wird zur Epiphanie des göttlichen Lebens, in der das Unsichtbare im Sichtbaren aufstrahlt.
Die Transformation des Fleisches
Die Theosis wurde von den Wüstenvätern mithin als eine reale Transformation des Fleisches begriffen, ist doch den Vergöttlichten die Gottesbegegnung gleichsam ins Angesicht geschrieben: Das strahlende Antlitz des brennenden Fleisches ist der unmittelbare Ausdruck einer inneren geistlichen Verwandlung. Denn sowohl Seele und Fleisch sind gleichermaßen dazu erschaffen, eine Wohnstatt Gottes zu werden.
Die Überlieferungen der Apophthegmata Patrum bezeugen dies eindrucksvoll. Als Abba Hilarion den pater monachorum, Antonius Magnus, besuchte, nannte er ihn eine „Säule des Lichts“. Und als Abba Sisoes gefragt wurde, ob er die Größe von Antonius erreicht habe, antwortete er:
„Wenn ich nur einen der λογισμοί von Abba Antonius gehabt hätte, wäre ich ganz in Flammen geraten.“
An anderer Stelle wird berichtet, dass das Gesicht von Abba Pambo „wie ein Blitz leuchtete“ wie einst das Antlitz des lichtumstrahlten Propheten Moses. Das Antlitz von Abba Sisoes „schien wie die Sonne“. Und von Abba Or heißt es in der Historia monachorum: Er sah „ganz wie ein Engel aus, sein Gesicht so strahlend, daß allein sein Anblick einen mit Ehrfurcht erfüllte“.
Ganz und gar wie Feuer
Gemäß Evagrios Pontikos und Johannes Cassianus ist das Gebet jener sublimior status, der im feurigen Gebet seine Vollendung findet. Es ist der vollkommenste Ausdruck des Christseins, in welchem der Mensch in einer neuen Lebendigkeit erst eigentlich ganz zu sich selbst kommt. In der „wesenhaften Erkenntnis“ der heiligen Trinität und der daraus resultierenden Feuerentzündung des Fleisches geht der Mensch ganz in Gott auf.
Dieser Höhepunkt erweist sich dabei als die Rückkehr zur prä-lapsarischen Natur des Menschen, die jedoch weit über Eden hinausreicht: Das Ziel erschöpft sich nicht in der bloßen Wiederherstellung der Gottebenbildlichkeit – es ist also nicht bloß similitudo –, sondern strebt die radikale Teilhabe am göttlichen Leben selbst an. Es ist der Prozess der theopoiesis (θεοποίησις), durch den wir selbst Gott werden.
Das In-Flammen-Setzen des „brennenden Fleisches“ bezeugt, dass die Theosis keine jenseitige Vertröstung ist, sondern sich als eine gegenwärtige Wirklichkeit erweist. Wer im feurigen Gebet zur Stätte Gottes wird, erfüllt die Bestimmung seiner Schöpfung und verwirklicht die Worte des Abba Lot:
„Wenn du willst, werde ganz und gar wie Feuer.“



