Joel Rudolf Kremer
Ἔρος δ᾿ ἐτίναξέ μοι φρένας, ὠς ἄνεμος κὰτ ὄρος δρύσιν ἐμπέτων.
Doch der Eros lässt mich erbeben,
wie der Wind, der von den Bergen her,
in die Eichen stürzt.
Sappho
Als Friedrich Nietzsche in prophetisch-prometheischen Voraussicht den letzten Menschen in der fünften Vorrede zu Also sprach Zarathustra verhieß, beschrieb er diesen wie folgt: „Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in ́s Irrenhaus“. So findet sich das heutige Individuum in einer beklemmenden Gleichförmigkeit wieder - gefangen in dem Spiegelkabinett seiner eigenen Ansichten, in der ewigen Beschallung des Immergleichen und ohne Begegnung des ganz Anderen. Wie der Narziss, der ins Gewässer blickt, um sein eigenes Spiegelbild - seine umbra, den flüchtigen Schatten - selbstverliebt zu betrachten, so blickt der heutige Mensch in die Welt hinein, nur um dort den Schatten seiner Selbst vorzufinden. Statt in die Augen des Anderen starrt der in sich selbst verkrümmte homo incurvatus auf die kalten und flachen Bildschirme des digitalen Zeitalters und verschließt sich so der Anderheit im Anderen. Denn das Andere ist eben auch das Transzendente, welches sich im Schönen, im Blick des Gegenübers, im Walten der ewigen Natur und auch im Innersten unseres Selbst uns zeigt; uns jedoch entzogen bleibt, obgleich es in uns greift und das Begehren des Eros entfacht. So beschreibt Marsilio Ficino die erotischen Augen der Liebenden, als einen heißen Brand, der sich bis zum Mark der Knochen entzündet. Dieser Einbruch des Außen in der erotischen Beziehung steht im schärfsten Gegensatz zum selbstbezüglichen Narzissmus. Der Eros durchbricht das in sich verkrümmte Selbst und reißt es in die verborgenen Tiefen und unbekannten Höhen des transzendenten Anderen. Eros ist die freiwillige Selbsthingabe, das Schwach-werden für das Subjekt der Liebe; doch gerade durch dieses Sterben-im-Anderen durchdringt uns die Kraft des Lebens, als Gabe des Göttlichen, die den Selbsthingebenen gleichsam wieder auferstehen lässt.
Man kann es wohl als ein Paradoxon der Geschichte verstehen, dass die große Verflachung der Welt just zu dem Zeitpunkt einsetzte, als Christoph Kolumbus in See stach, um zu beweisen, dass die Welt rund sei. Doch ausgerechnet als die Welt als rund erkannt wurde, verflachte sie im Zuge der Unterwerfung der Welt zu einer Scheibe. Denn mit der Erschließung der Ozeane wurde der Globalisierung ein Weltmarkt eröffnet, in dem alles, woran sich die Usura vergriff, zur Ware wurde. Das Monströse der Technik raubt dabei der Welt ihr unergründliches Wesen, ihre Heiligkeit, sodass sie zur leeren, kalten Wüste wurde. Ein Fluss, der einst ein Gott war, ist nun zu einer kanalisierten Energiequelle verkommen. Der Mensch, längst schon selbst zu einem Rohstoff und zu einer Ware geschrumpft, ist dabei ein entwurzelter, parasitärer Erdfloh, der von einem Ort zum anderen vagiert und in der riesenhaft ausgebreiteten Weltzivilisation überall das massenhaft Gleiche vorfindet. Als der größte Gleichmacher fungiert dabei das Geld, denn „Geld macht alle Ungleichheiten gleich”, wie uns Dostojewski lehrt. Geld ist die Entwertung aller Werte, da es alles, ob edel oder nichtig, wertvoll oder wertlos, in einen käuflichen, seinslosen Marktpreis verwandelt. Als letztes Ideal, dem die Menschheit frönend ihren Knechtsdienst leistet, hat sie sich selbst die Münze ihres eigenen Identitätsverlusts geprägt. Abgenutzt durch Tausch, entstellt vom Wert und umlaufend im endlosen Markt des Gleichen, ging ihr dabei ihr eigenes Gepräge verloren. Die Götze Mammon nahm dabei ihre Gläubigen fest in den Griff und hat ihnen die Flügel, die Fähigkeit, sich über das rein Materielle zu erheben, in blinder Gier von ihren Leibern abgehackt. Der Mammon duldet nämlich das Andere nicht, was sich seinem Zugriff verwehrt und sich per se nicht unterwerfen lässt. Und so legt er die ganze Welt flach und bringt als Ausgeburt eine Missgeburt hervor, die ein Moloch von Globus ist.
Der Verlust des Anderen liegt aber noch tiefer begründet als bloß in der Verflachung der Welt oder in der Herrschaft des Mammons. Es gründet sich in einem Menschenbild, das auf das rein Rationale verengt wurde. Denn wenn, Descartes zufolge, allein die perceptio clara et distincta als gültige Form der Erkenntnis gilt, bleibt das transzendente Andere notwendig unzugänglich. Die ψυχή, war seit Platon dasjenige im Menschen, welches als das Selbstbewegte einen Bezug zu sich selbst herzustellen vermag und dabei auf das Göttliche im Menschen verweist. Denn folgt man Augustinus, so kann der Mensch durch die Selbstidentifizierung des Ich in der Zeit zwar die Frage beantworten, wer er ist (»Tu quis es?«), doch nicht die Frage, was dieses Ich, das er ist, sei (»Quid ergo sum, Deus meus? Quae natura sum?«). In seinem Nachdenken über sein Selbst stößt der Mensch auf das grande profundum, jene verborgene Tiefe, auf der er gegründet ist. Dieses Unergründliche, Unfassbare, das sich seiner entzieht, stellt das Selbst in Frage, sodass Augustinus bekennt: „Quaestio mihi factus sum!” (Confessiones, X, 5-14). Der Mensch wird bei der Frage, was sein Selbst sei, sich selbst zur Frage und droht scheiternd, fragend an sich zu verzweifeln. In dieser Erfahrung des Verlorenseins verspürt der Mensch seine innere Zerrissenheit und Unruhe, die erst zur Ruhe kommen kann, wenn der Mensch es wagt, über sich hinauszufragen, um aus der Immanenz einen Bezug zum transzendent-göttlich Anderen wiederherzustellen. Nachdem aber im neuzeitlichen Skeptizismus der Vernunft die Flügel beschnitten wurden und der Positivismus jedwede Negativität des Anderen tilgte, wurde gleichsam der Bezug zum Transzendenten im Selbstbild und in der Weltwahrnehmung beseitigt. Ohne diesen Bezug zum Anderen, der im Menschen das erotische Begehren entfacht, wurde der er in die Hölle des Gleichen verdammt und der Kraft des Eros beraubt, sich zu den Höhen zu erheben, zu denen er eigentlich berufen war.
So ist der Mensch seit dem Einbruch der Neuzeit, als seine Flügel zerbrochen wurden, allmählich zum letzten Menschen verkrümmt und gerade von dem Gott abgefallen, der ihm einst am wohlgesonnensten war. Eros, „der menschenfreundlichste unter den Göttern” vermochte, gerade jene Wunde im Menschen zu heilen, dessen Heilung „dem Menschengeschlecht die größte Glückseligkeit bringt” (PLATON, Symposion,186d). Doch vermag dieser alte und große Gott auch die Wunde des letzten Menschen zu heilen und in die am Narzissmus erkrankten Herzen wieder Sehnsucht zu hauchen? Oder anders gefragt: Können unsere zerbrochenen, zerpflückten Flügel je wieder geheilt werden und deren Federn wieder neu aus uns erwachsen? Sokrates verkündet in seiner Lobrede an den Eros im Phaedrus, dass der Anblick des Schönen den Federwuchs der Seele erweckt. Das Schöne ist wie das Andere, das Transzendente im Immanenten, das uns ergreift und doch stets entzogen bleibt. Wie das Leuchten der Sterne am Nachthimmel, die dem letzten Menschen längst kein Licht mehr sind. Und doch könnte der Anblick des Anderen, in dem sich die Schönheit des Transzendenten spiegelt, die transformative Kraft des Erotischen in uns entzünden. Wie der Wind, der von den Bergen kommt, so erschüttert der Eros den Liebenden und erweckt in ihm den „Trieb des Gefieders” (PLATON, Phaedrus 251d3) und die Sehnsucht, mit seinen Schwingen in die Höhen zu steigen um sein Sein zu vollenden. So eröffnet der Eros der Seele ein neues, ein wahrhaft göttliches Leben, welches ihn von der Zerbrochenheit befreit. Denn er gewährt den Zugang zu einer höheren Dimension der Wirklichkeit. Der vom Eros Ergriffene wächst gleichsam aus sich selbst heraus und über sich hinaus, und verwirklicht gerade so sein eigentliches Selbst, das immer schon auf das Andere hin bezogen war, um vollendet zu werden. Die Wunde, die uralte Zerrissenheit des Menschen, der Schmerz des Sehnsüchtigen, wird durch die Vereinigung des Seins in das göttlich Andere, im Reich der Schönheit durch den Flügelschlag des Eros geheilt.
Lange ist es her, dass Hölderlin in seinen vaterländischen Gesängen die großen Ströme besang und Nietzsche im Zarathustra uns den Übermenschen verkündete. So ist es, nach einem Jahrhundert der Verwüstung und Zerfalls, der Weltverflachung und Selbstentleerung schon längst Zeit geworden, den Menschen wieder neue Lieder zu singen und neue Mythen zu künden. Denn der Mensch muss wieder den Weg zum Anderen finden, wenn er sich davor bewahren will, in der Hölle des Gleichen zu vergehen. Das Andere, das Transzendente im Immanenten, in all seinem Reichtum, in all seiner Schönheit wiederfinden, sei es in der Natur, in der politischen Vision oder letztlich in unserem eigenen Mensch-Sein. Sind wir denn nicht dem gefangen gehaltenen Adler gleich, dem seine wahre Heimat, die Felsspitzen der Bergeshöhen, beraubt wurde? So lasst uns, uns Menschen der anbrechenden Morgenröthe, mit Herzen voller Sehnsucht und mit entfesselter Liebe (PLATON, Phaedrus 243c8) beflügelt von den Schwingen des Eros, zu unserer wahren Heimat aufsteigen: Ins Reich des Schönen. Sodass in noch unbekannten Höhen ein neuer Mensch auferstehe, welcher voller Hingabe, den Eros zu ehren weiß und ihm im Innersten des reinen Herzens wieder Tempel errichtet.