APOLOGIE DER MEGALOMANIE // WvG
Eric Wolff von Gudenberg
Spaziert man durch die Innere Stadt Wien, so begegnet man, unweit der zentralen Sehenswürdigkeiten, einem, in Anbetracht der glorreichen Dekadenz dieser Stadt, kaum hervorstechenden Palais. Noch unscheinbarer wirkt dieser Palast durch seine unprätentiöse Nutzung, denn in gelben Werbelettern prangt ein „BILLA“ auf der Fassade. Der nicht inaugurierte Flaneur wird seinen Blick nicht lang an jenes Gebäude in der Herrengasse drei verschwenden: Zu generisch und zu seelenlos erscheint es heute. Wäre dieser Spaziergang jedoch nicht mit einer ärgerlichen Verspätung von gut 130 Jahren erfolgt, so hätte unser Flaneur seine Augen keineswegs so rasch wieder abgewandt, denn er stünde nicht vor einer Supermarktkette, sondern dem gloriosen Café Griensteidl.
Das Café Griensteidl war im ausgehenden 19. Jahrhundert Zentrum der Wiener Littérature Jeneusse. Jung Wien traf sich dort, was bedeutete, dass man an guten Tagen dort Geistesgrößen wie Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Rudolf Steiner oder Stefan Zweig begegnen konnte. Aufgrund der hochtrabenden Ambitionen der Kaffeehausgäste erhielt das Café Griensteidl bald den Beinamen Café Größenwahn. Während die zermalmende Moderne das Ambiente des historischen Kaffeehauses hinwegfegte und durch eine global agierende Supermarktkette ersetzte, so scheint eines filiativ bewahrt worden zu sein: Der Wiener Größenwahn.
Es lässt sich kaum mehr nachzeichnen, weshalb die Größenwahnsinnigen sich in Wien derart zahlreich ansammeln, es lässt sich aber durchaus zeigen, dass, mit dem gigantischen Projekt der Wiener Ringstraße, der Größenwahn hier eine beachtliche, architektonische manifestierte Tradition hat. Ist man erst einmal in jenen genuin Wiener Kreisen angelangt, die ihrem Wiener-Prädikat gerecht werden, so bemerkt man rasch: Hier schreibt niemand einen Satz in sein Tagebuch ohne das Bewusstsein, dass es sich dabei um ein zeithistorisches Dokument handelt.
Man kann also zwei Typen des Menschen unterscheiden: Den Realisten und den Größenwahnsinnigen. Der Realist erkennt seine charakterlichen und intellektuellen Schranken und lebt damit. Meist lebt er auch zufriedener und geruhsamer als der Größenwahnsinnige, da er die Bürde des Wachsenmüssens nicht in sich trägt. Der Megaloman, der Größenwahnsinnige, wird gemeinhin als krankhaft sich selbst überschätzend pathologisiert – insbesondere von jenem Realisten-Typus. Gleichsam jedoch taugt die Dichotomie zwischen dem Realisten und dem Megaloman nicht, denn auch der Megaloman ist ein Realist. Der Unterschied fußt lediglich auf einer divergierenden Zeitanschuung. Während der genuine Realist sich selbst als den Gegenwärtigen, der er ist, auffasst, so identifiziert sich der Megaloman, mithin ganz existenzialistisch, mit der Vorstellung seiner in der Zukunft befindlichen Möglichkeiten. Das bedeutet der Wahn des Größenwahnsinnigen darf nur dann als Wahn pathologisiert werden, wenn er die Größe, die er empfindet, zukünftig nicht einzulösen vermag.
Der Größenwahn erscheint, wenngleich nicht als hinreichende, so doch als eine notwendige Charakterzugabe für die Entwicklung genuiner Geistesgröße. Es ließen sich ganze Bücher mit größenwahnsinnigen Zitaten intellektueller Exponenten füllen. Sei es Honoré de Balzac, welcher eine „gewaltige Hochschätzung von sich und seinem Werk“1 empfand und gar sich selbst mit Napoleon verglich2. Sei es Friedrich Nietzsche, welcher in seinem Ecce Homo eine wahrhafte Ode auf sich hielt und in ganzen Kapiteln beantwortete, warum er so klug sei und warum er so gute Bücher schreibe. Aus dem privaten Umfeld Peter Sloterdijks gibt es die Anekdote zu hören, dass er gar einen öffentlichen Vortrag absagen musste, weil er Stunden zuvor in seinen alten Tagebüchern las. Von seiner eigenen Poesie derart ergriffen, fühlte er sich anschließend nicht mehr in der Lage vor gemeinen Menschen reden zu können.
Die Megalomanie sollte dementsprechend keineswegs als unnötige Albernheit abgetan werden. Sie ist vielmehr eine auszuschöpfende Energie, welche vor nihilistischen Elementen der Gegenwart zu schützen vermag.
Prinzipiell geschieden werden muss der Größenwahn jedoch von der Hochstapelei. Der Hochstapler nämlich hat, gleich dem Realisten, seine Selbstsetzung ebenfalls in der Gegenwart. Er versucht nicht sein Selbst, durch die Liebe zum Großen, mittels Arbeit, Hartnäckigkeit und Tugend, gedeihen zu lassen, seine Potenziale zu entfalten, sondern lediglich sich mit dem Schein der Größe zu begnügen. Dieses Unterfangen jedoch ist nicht nur beschämend, da er sich stets selbst verleugnet, sondern der Suizid des eigenen Potenzials. Derjenige nämlich, der sich größer macht, als er ist, nicht in Anlehnung oder als Vorwegnahme einer eintretenden Zukunft, sondern durch Unwahrheiten der Gegenwart, der verbaut sich die Möglichkeit des Wachstums. Wie sollte er, der Hochstapler, wenn er tatsächlich einen Fortschritt verzeichnet, hierfür Anerkennung erfahren? Er, der bereits erzählte, dass er in verschollenen Magazinen famose Texte schrieb, er, der er auf seinem Rechner ganze Bücher erfand, wie soll er seinen Nächsten stolz verkünden, dass er nun tatsächlich eine
Kurzgeschichte erfolgreich abschloss? Wie kann er, der doch dem Anschein nach seine Kant-Studien bereits in Kindesjahren finalisierte und immerzu vorgibt auch haargenau zu wissen, was Fichte, Hegel oder Plato dachten, mit echter Inbrunst mitteilen, dass er nun wahrhaftig einen Philosophen studiert?
Kurz: Er kann es nicht. Er ist durch die Lüge verdammt, seine Kleinheit mit sich zu tragen. Wenn er stolz seinen echten Erfolg mitteilen möchte, so muss er seine Märchen weiter ausbauen, die ihm, obgleich er auf realen Wachstum referiert, niemand mehr glaubt – zuletzt auch er selbst nicht mehr.
Freunde der Größe, so lasst Uns weiter träumen, lasst Uns eifern, schreiben und schwärmen auf dass in Unserer Mitte die Gedanken der Zukunft gedacht werden, dass Wir Unsere Kultur wieder prächtig machen, dass man Uns gedenkt als den Wiener Modernen, den deutschen Romantikern, den französischen Postmodernen ebenbürtig und bedeutender. Die zwanziger Jahre Unseres Jahrhunderts liegen in Unseren Händen.
Machen Wir Uns nicht größer als Wir sind, machen Wir Uns größer als Wir sind.
Hanns Heinz Ewers 1999, in: Mundus Verlag, Honoré de Balzac, „Tolldreiste Geschichten 1“, S.9
Ebd.



