2026 - DAS JAHR DER ENTSCHEIDUNG // MWR
Moritz W. Rothe
I.
Könntet ihr sehen, wie ich, würde über euch der Himmel bröckeln und in Feuerbällen zur Erde stürzen.
Könntet ihr hören, wie ich, würdet ihr unter euch das Beben der langsam in sich zusammenfallenden Unterwelt vernehmen.
Doch könnte ich nur sprechen wie ihr, so wüsste ich keine Wörter für das, was uns geschehen wird.
Gleich dem Mond mit den Gezeiten tosender Meere, welche stetig die Fruchtbarkeit auf Erden erneuern, die Wassermassen auf unserm Globus windet, geht die Sonne nicht nur Tag ein, Tag aus am Horizonte auf und unter. Wie der Heliobiologe Alexander Chizhevsky formulierte, zieht die Sonne das Leben auf Erden alle zwölf Jahre zusammen, bringt alles in einen energetischen Taumel, dass all Erschaffenes darin begünstigt ist, aufeinander zu prallen. Nahezu jede Revolution lässt sich auf diese Zenite der Sonnenintensität zurückführen.[1] Denkt man vor sechs Jahren an die lang gezogenen Tage in Quarantäne, scheint nun heute jeder Tag sich abzuhetzen, schnell verstreichend, auf etwas zuzurasen, als würden immer mehr noch ungeschriebene Ereignisse näher rücken. Es ist, als brenne die Sonne eine Todeslinie in die historische Zeit. Dies ist allerdings kein Determinismus, sondern eher durch Resonanz der Menschen konstituierte Verdichtung von Möglichkeit. Doch die Sonne macht keine Unterschiede, verstärkt sie doch jede Kraft, insbesondere aber jene der Willigsten. Schauen wir alleine auf die beiden Zenite dieses Jahrhunderts, so ereignete sich um das Jahr 2002 „das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat“[2]: 9/11, aus welchem Kriege und Freiheitseinschränkungen folgten. 2014 rief der IS das Kalifat aus, Russland annektierte die Krim und der Beginn des Raubzuges der Wokeness nahm seinen Anfang.
II.
Lange genug lagen wir die Zeit verströmen lassend in dem Schatten alter Sparren, deren Säulen wie im Stundenglase hinab zu Boden rieseln. Langsam schon scheint uns das Licht einer Sonne, welche in diesem Jahr den Zenit ihrer Intensität erreichen wird, durch die Risse falscher Decken und erweckt jeden der im Dunkel sein Augenlicht noch nicht verlor. Im nächtlichen Spaziergang der Verstoßenen hören wir die Unendlichkeit. In Lumpen stehen wir vor dem erhabenen Palast unserer Vorväter, aus dem Musik wie Poesie erklingt und sich durch die Fenster schönste Gemälde erspähen lassen. Noch immer bestellt man ihre Ländereien im Reich der Imagination und sendet den Ertrag gleich im Wohlfahrtsstaate an die Bedürftigen. So haben sich manche gar wie abgewiesene Penner an der beschmierten Außenwand in phlegmatischer Pose eingerichtet, um dem Untergang entgegenzusitzen, haben allerlei zu reden, doch wenn sie zum Marktplatz gehen, wissen sie nicht einmal die Laterne zu tragen, sondern stehlen, was ihnen in ihre blinden Augen sticht.
Sie sehen nicht, was bevorsteht, weil ihre Augen nicht die des Raubtiers sind.
Sie hören nicht, was bröckelt, weil ihr Ohr nicht am Klang der Ewigkeit geschult ist.
Sie spüren nicht, was Not tut, weil ihr Herz sich nicht nach Göttlichem sehnt.
III.
In diesem Jahr entscheidet sich die Schlacht in den Herzen Europas Wohlgeratenster; im Zenit unserer Jugend, am Höhepunkt unserer Kraft – vermag sich Europas Geist aufzurichten und jeder einzeln im Bund der Willigen an den Rändern des Reiches der Imagination neuen Raum erschließen, um den Palast mit neuen Flügeln zu beehren und doch die Luft von neuem Lande fern des Moders zu atmen – oder verbleibt ihm nurmehr das nüchterne Kommentieren des Unterganges wie es Sidonius Apollinaris im 5. Jahrhundert mit dem Römischen Reiche tat?
Wird der dritte Zenit dieses Jahrhunderts wieder nur den Feinden Europas zuspielen, weil sie unter der Sonne die Willigsten waren? Oder werden wir die solare Gabe unseres Lebens zu einem sakralen Ereignis verewigen?
Lieber noch werde ich an den Rändern der Imagination in das Gefangenenlager des Wahnsinns gesperrt, weil ich zu tief in die feindlichen Reihen stoße, als in ironischer Mittelmäßigkeit vor dem Palast zu verenden. Die Sonne lässt das Erdenspiel auf die Todeslinie historischer Zeit zurennen und es gilt sich zu bereit zu machen:
Denn, nur wer die Augen beim Blick in die Sonne, wenn Kairos von ihr niederrast, noch offen hält, wird ihn ergreifen können.
Nur wer seine Ohren am Boden des Zusammenpralls nicht verschließt, wird den Ruf zum Opfergang der Schlacht erhören.
Und nur wer siegreich aus ihm aufstehen mag, den wird Nike im Flügelschlage aus dem Wolkenreich niedersteigend als wahren Erben krönen.
[1] Genossin-Sonne-Booklet-DE.pdf S.52 ff.
[2] Karl Heinz Stockhausen auf einer Pressekonferenz in Hamburg am 16. September 2001



